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Thema des Monats | Borreliose
Jahrestagung der Deutschen Borreliose-Gesellschaft
In der Zeit vom 08.-10. April 2011 fand in Wuppertal die 8. Jahrestagung
der Deutschen Borreliose-Gesellschaft statt. Hauptthema waren neurologische
und psychische Manifestationen der chronischen Lyme-Borreliose.
Der erste Vortrag von Priv. Doz. Dr. Berghoff befasste sich
mit der Problematik der Begleit- oder Coinfektionen bei Lyme-Borreliose.
Aus der Sicht Berghoffs seien in Deutschland lediglich Bartonellose
und Infektionen mit Chlamydia pneumoniae relevant. Die Infektion mit
Ehrlichia (humane granulozytäre Ehrlichose bzw. Anaplasmose) spiele
keine große Rolle. Dies deckt sich nicht mit den Erfahrungen unserer
Praxis, denn mit dem LTT auf Ehrlichien stellen wir in etwa 50 % der
an chronischer Borreliose Erkrankten eine Coinfektion mit diesem Erreger
fest. Diese Erkenntnis wurde auch von Dr. Nikolaus vom Borreliose Centrum
Augsburg bestätigt. Die Symptomatik der Lyme-Borreliose und der
Coinfektionen überlappen sich bei chronischen Verläufen. Gerade
bei schweren Krankheitsverläufen und im Falle eines Nichtansprechens
der gegen Borrelien gerichteten Therapie ist eine konsequente Überprüfung
möglicher Coinfektionen erforderlich. Weitere Erreger, nach denen
gefahndet werden muss, sind Yersinien, Chlamydia trachomatis, Mykoplasmen,
Ebstein Barr Virus, Herpes simplex- und Herpes zoster Viren, Babesien
und ggfs. Rickettsien. Durch Umweltfaktoren wie z. B. Klimawandel kann
sich das Erreger-Spektrum in Zukunft dynamisch verändern.
Ein erster Höhepunkt der Tagung war anschließend der Vortrag
des Präsidenten der Deutschen Borreliose Gesellschaft Dr. Kurt
Müller aus Kempten, der über Depression bei Borreliose
und anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen berichtete. Es
ist bekannt, dass chronische Entzündungen bei vielen Betroffenen
zu Depression führen, ferner hat man festgestellt, dass bei an
Depression Erkrankten häufig stumme Entzündungen vorliegen.
Bei chronischen Entzündungen kommt es zu charakteristischen Veränderungen
im Serotonin-Stoffwechsel des Gehirns. Die Aminosäure L-Tryptophan,
die eine Vorstufe des Serotonins darstellt, wird verstärkt zu Kynurenin
umgewandelt. Dieses wirkt im Zentralen Nervensystem toxisch. Ferner
entsteht in der Folge ein Serotonin-Mangel, der Depression auslöst.
Die alleinige Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI)
ist wegen des bestehenden Serotonin-Defizits wenig hilfreich. Die Gabe
der Serotoninvorstufe 5 HTP ist aus Müllers Sicht eine gute Alternative.
Müller führte ferner aus, dass das Ansprechen der Patienten
auf diese Medikamente höchst unterschiedlich ist. Dies ist durch
genetisch bedingte Unterschiede im Abbau dieser Substanzen bedingt (Zytochrom-Stoffwechsel).
So haben 20 % der Behandelten mit einer Standard-Dosis keine Wirkung,
30 % erfahren eine Überdosierung. Auch gravierende Wechselwirkungen
mit weiteren häufig eingesetzten Medikamenten wie Protonenpumpenblockern
(Omeprazol) können auftreten.
Ein weiterer höchst spannender Aspekt ist die genetisch bedingte,
unterschiedliche Umwandlung von Stresshormonen (Katecholaminen). Das
hierfür verantwortliche Enzym COMT ist bei einem Teil der Menschen
verstärkt aktiv. In diesem Fall ist der Abbau von Stresshormonen
verstärkt, diese Menschen können Stress besser ertragen als
der Durchschnitt. Eine andere Gruppe mit verzögertem Abbau von
Stresshormonen hat permanent erhöhte Spiegel von Katecholaminen.
Dies führt zunächst zu einer verstärkten psychischen
und körperlichen Leistungsfähigkeit, bringt aber die Gefahr
von Schädigungen durch diese erhöhten Stresshormon-Spiegel
mit sich. So kann das Immunsystem nachhaltig geschwächt werden.
In der Folge können Infektionen vermehrt Probleme bereiten bzw.
chronisch verlaufen. Der hochinteressante Vortrag unterstrich erneut,
dass die chronische Infektion mit Borrelien ein Faktor unter mehreren
wie z. B. psychosoziale Stressbelastung, Schadstoffbelastung, genetischer
Prädisposition, Ernährung, Mikronährstoffmangel, Schädigung
durch Medikamente, ungelösten Lebenskonflikten und vielem mehr
bei der Entstehung chronischer Multisystemerkrankungen ist.
Im Anschluss folgte ein Seminar zum Thema Labordiagnostik der Borreliose.
Dr. Nolte sprach über die Bedeutung des Direktnachweises von
Borrelien - DNA bei der Diagnostik der Lyme - Borreliose. Der direkte
Nachweis des Erbmaterials der Borrelien ist hochspezifisch, in der Praxis
derzeit jedoch nur in Zecken bzw. Gewebeproben Erfolg versprechend.
Weitere Vorträge am 08.04. beschäftigten sich mit komplementärmedizinischen
Verfahren, wie z. B. der Eigenblut-Therapie, traditioneller chinesischer
Medizin und naturheilkundlicher Therapie, die nachweislich bei chronischer
Borreliose gute Erfolge erzielen.
Der 09.04. wurde mit der Verleihung des Dissertationspreises
eröffnet. Es wurden die Biologen Markus Thein und Ivan
Uribarri für hochinteressante Arbeiten zu den Porinen geehrt.
Porine sind winzige Membrankanäle, die den Borrelien einen Stofftransport
ins Zellinnere ermöglichen. Die beiden Wissenschaftler untersuchten
Größe und Spezifität dieser Kanäle. Wichtige praktische
Aspekte wie die Frage, durch welche Nährstoffe man z. B. den Stoffwechsel
und die Vermehrung der Borrelien beeinflussen könnte, bleiben derzeit
noch unbeantwortet.
Der folgende Vortrag des Neurologen Dr. Reimers basierte im
Wesentlichen auf den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für
Neurologie und brachte wenig neue Erkenntnisse bzw. Berührungspunkte.
Ein weiterer Höhepunkt war der Vortrag des Ulmer Psychiaters Prof.
Bechter. Er berichtete über die Bedeutung chronischer, niederschwelliger
Entzündungen des Gehirns für die Entwicklung von Psychosen.
Es wurde deutlich, dass der konventionellen Liquor-Diagnostik heutzutage
viele entzündliche Prozesse wegen zu geringer Empfindlichkeit der
Methoden entgehen. Bechter wendet sensitive, jedoch hochkomplizierte
Darstellungsverfahren wie die so genannten Reibergramme an. Bzgl. der
peripheren neurologischen Symptome bei chronischer Neuroborreliose vertritt
er die Meinung, dass entzündliche Prozesse im Gehirn über
das Hirnwasser als Transport- und Botenmedium entlang der Nerven bis
in die Peripherie transportiert werden.
Im nächsten Vortrag berichtete Frau Dr. Krause aus München
über die Bedeutung chronischer Infektionen bei Tic-Erkrankungen
wie dem Tourette-Syndrom. Sie stellte Fälle vor, bei denen durch
sensitive Diagnostik chronische Infektionen, wie z. B. mit Streptokokken
diagnostiziert wurden. Nach entsprechender antibiotischer Behandlung
kamen die Tic-Störungen vollständig zur Rückbildung.
Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen ist, dass bei allen neurologischen
und psychiatrischen Erkrankungen nach Entzündungen gefahndet werden
muss.
Der folgende Vortrag von Prof. Robert Bransfield aus den USA
baute auf den vorangegangenen Vorträgen auf und unterstrich die
Bedeutung der so genannten Psychoimmunologie.
Brian Fallon von der Columbia Universität New York berichtete
über interessante Studiendaten zur chronischen Lyme-Erkrankung.
So wurden infizierte Mäuse mit Ceftriaxon behandelt. In der Folge
waren keine Borrelien mehr nachweisbar, die Entzündung von Gelenken
bestand jedoch weiterhin. Wenn man nun einen Blocker des Entzündungsstoffs
TNF alpha verabreichte, waren wieder Borrelien nachweisbar. In einer
zweiten Versuchsreihe wurden infizierte Mäuse therapiert. Auch
hier waren nach der antibiotischen Therapie keine Borrelien mehr nachweisbar.
Diesen Mäusen wurden nun infektionsfreie Zecken aufgesetzt. Diese
Zecken sandten offensichtlich Signale aus, die Borrelien anlockten.
In der Folge konnte man in diesen Zecken dann wieder Borrelien nachweisen
und diese Borrelien auch auf andere Mäuse übertragen. Dies
unterstreicht, wie hochkomplex die Anpassungsmechanismen und Kommunikationsmöglichkeiten
des klassischen Endoparasiten Borrelia sind.
Der erste Vortrag am 10.04. wurde von Dr. Sam Donta gehalten,
einem sehr erfahrenen Infektiologen aus Boston, der ein eigenes Therapie-Schema
für die Behandlung der chronischen Borreliose entwickelt hat..
Er unterstrich die Bedeutung einer ausreichend langfristigen Therapie
und betonte die Bedeutung der intrazellulären Wirkung von Antibiotika,
da der intrazelluläre Raum das Reservoir für Rückfälle
der Erkrankung ist.
Prof. Judith Miklossy vom Alzheimer Forschungszentrum in der
Schweiz stellte Parallelen zwischen der tertiären Syphilis-Erkrankung
(Neurolues) und der chronischen Neuroborreliose her. Borrelien sind
wie die Erreger der Syphilis (Treponema pallidum) Spirochäten.
Borrelien verursachen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn und können
deshalb Demenz-Erkrankungen auslösen. Auch Aneurysmen (Erweiterungen
von Schlagadern) können durch eine chronische Borreliose-Infektion
ausgelöst werden. Miklossy riet ferner davon ab, bei infektiösen
Erkrankungen ausschließlich entzündungshemmend (mit nichtsteroidalen
Antirheumatika wie Diclofenac oder mit Cortison) zu behandeln. Dies
kann eine Ausbreitung der Infektion fördern.
Der letzte Vortrag des Labormediziners und Molekularbiologen Steven
Norris aus Houston/Texas beschäftigte sich mit den Strategien,
mit denen Borrelien sich im Organismus adaptieren und ihre krankmachenden
Eigenschaften verbreiten. Seiner Meinung nach haben Borrelien eine geringe
Toxinaktivität, jedoch eine hohe infiltrierende Potenz. Sie durchdringen
die Innenwände von Gefäßzellen und produzieren gerinnungshemmende
Stoffe. Eine permanente Veränderung der Antigen-Struktur ermöglicht
den Borrelien, dem Immunsystem des Wirtes auszuweichen.
Zusammenfassend bot die Tagung viele interessante Einblicke in neue
Forschungsgebiete. Die aktuelle Therapie muss dem Charakter der chronischen
Borreliose-Infektion als Bestandteil einer multifaktoriell bedingten
Multisystemerkrankung Rechnung tragen.
Gezielte Erreger - reduzierende Verfahren sind hierbei von großer
Bedeutung.
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