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Targeting Mitochondria
Am 18. und 19. November 2010 fand in Berlin der 1. Weltkongress der
Internationalen Gesellschaft für Antioxidantien in Ernährung
und Gesundheit (International society of antioxidants in nutrition and
health - ISANH) statt. Der Kongress stand unter dem Motto "Targeting
Mitochondria"(= Zielrichtung Mitochondrien). Das Programm ließ
ein breites Spektrum von Grundlagenforschung bis Biotechnologie erwarten.
Der Präsident der Gesellschaft, Prof. Edeas aus Paris, riss in
seinem Eröffnungsvortrag einige wichtige Themen an wie z.B. die
Bioverfügbarkeit der Polyphenole, nutrigenetische Faktoren wie
z.B. individuell unterschiedliche Resorption und Ansprechrate auf gegebene
Dosierungen von Antioxidantien, Durchtritt der Pflanzenstoffe durch
die Blut-Hirn-Schranke sowie die Frage des richtigen und gesunden Maßes
an oxidativem Stress. Leider blieb es im Verlauf der Tagung bei der
Zustandsbeschreibung den offenen Fragen.
In den Vorträgen des ersten Tages wurde eine Reihe von Methoden
zur Messung von mitochondrialen Stoffwechselprozessen vorgestellt, die
teilweise mit spektakulären fluoreszenzmikroskopischen Bildern
unterlegt waren. Der methodische Aufwand, die fehlende Validierung sowie
die hohen Kosten der verwendeten Geräte lassen in naher Zukunft
keinen Einsatz in den Praxen erwarten.
Ein merkwürdiger Höhepunkt war der Vortrag von Prof. Glass
aus der Arbeitsgruppe um den amerikanischen Unternehmer J. Craig Venter,
die 2001 bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms mitgewirkt
hat. Glass arbeitet an der Entwicklung einer synthetischen Zelle mit
synthetischem Mitochondrien-Genom. Dieses Genom soll dann in Zellen
von Patienten mit (genetisch bedingter) Mitochondriopathie eingepflanzt
werden, um Stoffwechselprozesse zu normalisieren. Der Vortrag erweckte
bei vielen der anwesenden Wissenschaftler großes Interesse.
Anschließend referierte eine amerikanische Biotechnologin, die
an der Entwicklung mitochondrialer Biobrennstoffzellen arbeitet. Man
will Batterien erschaffen, die unter Verwendung isolierter Mitochondrien
mit verschiedenen Substraten alternative Energiegewinnung ermöglichen
sollen.
Eine methodisch saubere Arbeit wurde von Michael Boschmann von der Charité
Berlin vorgestellt. Er zeigte, dass die familiäre partielle Lipodystrophie
eine mitochondriale Erkrankung ist, die durch eine typische metabolische
Inflexibilität geprägt ist.
Am zweiten Tag stellte Prof. Ristow aus Jena sein Konzept der Mitohormesis
vor (Hormesis, griech. Anregung, Anstoß). Dieses Konzept besagt,
dass die Aktivität der Mitochondrien zu einer dosierten Vermehrung
von freien Radikalen führt, welche die zelleigene Abwehr von Sauerstoffradikalen
stimulieren. Ristow postuliert, dass ein gewisses Maß an oxidativem
Stress für verschiedene Reparatur - Mechanismen und die Aufrechterhaltung
der Homöostase (Gleichgewicht der Regulation des Lebens) notwendig
ist. Er belegt dies mit Untersuchungen zur Kalorienrestriktion und Kohlenhydratbeschränkung,
die allerdings an Fadenwürmern (Caenorhabditis elegans) durchgeführt
wurden. Die Zugabe von Vitamin C, E und N-Acetlycystein (ACC) blockierte
die lebensverlängernden Effekte der Interventionen. Ein mit jungen
gesunden Studenten durchgeführter Versuch mit körperlichem
Training zeigte, dass bei der Interventionsgruppe, die gleichzeitig
Vitamin C und E erhielt, positive Effekte des Sports auf die Insulinempfindlichkeit
verhindert wurden.
(Die Arbeit war methodisch schon gut gemacht: Es wurde ein sogenannter
euglykämisch hyperinsulinämischer Clamp gemacht, der bei der
reinen Sportgruppe eine erhöhte Zuckeraufnahme zeigte. Die Größenordnung
lag bei 100 uMol Glucose pro kg KG und Minute und nahm um 10 % zu vs.
gleich bleibender Tendenz , d.h. es wurden pro Minute 144 mg Glucose
bei 80 kg Körpergewicht verwertet.
Ferner stieg bei den reinen Sportlern der Adiponektinspiegel (Hormon,
das vor Diabetes schützt) an, bei den mit C und E Behandelten sank
er teilweise sogar ab. Ebenso nahm die PPAR-Gamma Expression und PGC
1 alpha Expression bei den Sportlern zu, bei den anderen blieb sie unverändert.
Diese Erkenntnisse auf die Situation bei chronisch Kranken zu übertragen,
ist meines Erachtens sehr problematisch. Die gesundheitsfördernden
Effekte pflanzlicher Nahrungsmittel erklärte Ristow übrigens
mit dem Vorhandensein von prooxidativen Polyphenolen. Der Vortrag blieb
als diskussionswürdiger kritischer Einwurf im Raum stehen.
Prof. Weissig zeigte im Anschluss verschiedene Vehikel auf, die einen
Transport von Substanzen durch die Mitochondrien-Membran ermöglichen
(sog. Nanocarrier). Im Kontext des Vortrages ging es hauptsächlich
um apoptose-(programmierten Zelltod -)induzierende Chemotherapeutika.
Gogwadze aus Schweden erläuterte neue Wege der Tumortherapie. Ein
Ansatz bestehe darin, die Mitochondrienfunktion der malignen Zellen
zu normalisieren, ein zweiter Weg die Mitochondrien zu destabilisieren,
um eine Apoptose zu induzieren. Dies sind Erkenntnisse, die von Dr.
Heinrich Kremer ja seit langem kommuniziert werden. Manuel Rojo aus
Bordeaux berichtete von der großen Plastizität und Veränderbarkeit
der Mitochondrien. So gibt es auch fadenförmige Mitochondrien.
Je nach Substratangebot bewegen sich die Mitochondrien durch die Zellen
und tauschen den Inhalt ihrer Matrix aus. Illustriert wurde der Vortrag
durch beeindruckende fluoreszenzmikroskopische/elektronenmikroskopische
Bilder. Auch die Kommunikation der Mitochondrien untereinander wurde
thematisiert.
In weiteren Vorträgen wurde über mitochondriale Fehlfunktion
und Alterung der Haut, Diabetes mellitus und Multiple Sklerose referiert.
Ein Teil der Vortragenden waren Repräsentanten von Firmen, die
Produkte zur Diagnostik und Therapie mitochondrialer Störungen
entwickelt haben. Die Ergebnisse von Arbeiten zur Grundlagenforschung
ließen für mich wenig Neues erkennen.
Zusammenfassend bestätigte der Kongress, wie einzigartig die Lehre
von Dr. Heinrich Kremer auf dem Gebiet der mitochondrialen Medizin ist.
Der Erkenntnisgewinn und praktische Nutzen für die Patientenbehandlung
eines 2-Tages-Seminars von Dr. Kremer betragen meines Erachtens ein
Vielfaches des Ergebnisses dieser 2-Tages-Veranstaltung.
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