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Kongress der GSAAM 2026


Auch in diesem Jahr besuchten wir den Kongress der German Society for Anti-Aging Medicine (GSAAM).
Nach interessanten, praxisbezogenen Workshops am ersten Kongresstag wurde in einer Vielzahl von Vorträgen der aktuelle Kenntnisstand zu Diagnostik und Therapie in der Longevity (= Langlebigkeits-) Medizin einschließlich einiger Zukunftsvisionen vermittelt.
Der Festvortrag wurde von Prof. Michalski aus Berlin gehalten, der sich seit Jahrzehnten als Wissenschaftler in der Prävention engagiert und eine naturheilkundliche Klinik leitet.

„1:2“ war sein Einstieg in die Materie. Das Zahlenspiel bedeutet, dass in Zukunft 1 junger Mensch 2 Alte mit Krankenversicherung und Rente versorgen muss. Die reine Verlängerung der Lebenszeit ohne gleichzeitige Verbesserung der krankheitsfreien Lebensphase wird alle sozialen Systeme sprengen. Die Gesundheitskosten, vor allem im Bereich der pharmazeutischen Medikamente, stiegen Jahr für Jahr um 10 % an.
Fragen tun sich auf, welche PatientInnen bei Bedarf innovative, aber sündhaft teure Medikamente erhalten sollen, ob die Zahl der verordneten Präparate pro PatientIn immer weiter ansteigen soll, und ebenso, wie immer mehr Pflegeplätze für Pflegebedürftige finanziert werden sollen. Diese Fragen werden aber von der Politik nach wie vor verdrängt, präventive Ansätze zum gesunden Altern werden nicht oder unzureichend gefördert.
Die einzigen Lösungsversuche sind Streichungen von Leistungen, um kurzfristige Spareffekte vorzeigen zu können.
Michalski strich heraus, dass viele Longevity-Maßnahmen über den Lebensstil und vor allem die Ernährung erfolgreich ohne großen Kostenaufwand umgesetzt werden können.
Fasten, Intervall-Fasten und das sogenannte Scheinfasten (Einschränkung der täglichen Kalorienzufuhr auf 800 unter Reduktion der Kohlenhydrate) fördern die Autophagie (Zellerneuerung). Letztendlich sind die Hauptursachen für vorzeitige Alterung bzw. ungesundes Altwerden der Bewegungsmangel, das seit etwa 50 Jahren allgegenwärtige Überangebot hochverarbeiteter, zuckerreicher und ballaststoffarmer Nahrung und die zunehmende Überforderung der Regulation durch Überflutung mit Sinneseindrücken durch soziale Medien, Stress und vieles mehr.
Der Nutzen einer Lebensstiländerung für eine Verlängerung der Lebenszeit ist natürlich vom Zeitpunkt des Beginns der Maßnahmen abhängig und umso effektiver, je früher man anfängt. Auch die eigene Überzeugung, dass das Leben einen Sinn hat, verlängert einer Studie aus Japan zufolge die Lebenszeit. Michalski warf auch die interessante Frage auf, ob bei Einnahme von Supplementen eine kontinuierliche Gabe oder eine kurweise, intermittierende eventuell sinnhafter ist.

Es ist durchaus plausibel, dass eine kontinuierliche Gabe von Antioxidantien, die entzündlichen Zellstress neutralisieren, gar nicht so günstig ist, da kurzfristige Entzündungsreaktionen als Stimulus für Reparaturprozesse oder zur Abwehr akuter Infektionen nötig sind. Anders gelagert sind natürlich chronische Entzündungen mit permanent erhöhtem Zellstress. Hier ergeben sich spannende Forschungsansätze.
Als Fazit unterstrich Michalski, dass eine ernsthafte Implementierung der Prävention altersbedingter Erkrankungen nur mit entsprechenden, politisch geförderten Anreizen für die Bevölkerung funktionieren kann.

Jan Fauteck informierte in einem spannenden Symposium über die Bedeutung des Nebennierenrinden-Hormons DHEA, welches zu wenig beachtet wird. Es handelt sich um ein zentrales Vorstufen-Hormon im hormonellen Konzert der weiblichen und männlichen Hormone, die bei beiden Geschlechtern im gesunden Verhältnis stehen müssen. Charakteristisch sind im Alterungsprozess ein Mangel an DHEA und eine Zunahme von Cortisol. Folgen sind Muskelabbau, Zunahme von Bauchfett, Stoffwechselstörungen und Immunschwäche. Der Zustand ähnelt den Nebenwirkungen einer Cortisontherapie. Umgekehrt schützt eine bedarfsgerechte Supplementierung mit DHEA bei Cortisontherapie vor Knochenabbau. Aus der Umwandlung von DHEA in verschiedenen Geweben wie Fettgewebe, Muskulatur, Leber und einigen mehr werden 30% der männlichen Hormone und 90 % der Östrogene nach der Menopause gebildet. Einflüsse von DHEA auf Neurotransmitter und Kognition sind gegeben. Die Konzentration von DHEA im zentralen Nervensystem ist 6–8 Mal höher als im Blut. Ebenso werden die Insulinempfindlichkeit, das zelluläre Immunsystem, der Fettstoffwechsel und das kardiovaskuläre Risiko durch einen Mangel negativ beeinflusst. Nach entsprechender Labordiagnostik ist eine individuell dosierte Therapie mit naturidentischem Hormon, auch in Kombination, sinnvoll. Die Werte müssen unter Therapie zur Feineinstellung kontrolliert werden.

Im nächsten Themenkomplex referierte Dr. Yael Adler, eine bekannte Ärztin für Dermatologie, die schon einige Bücher veröffentlicht hat, zum Thema Haargesundheit und Haarverlust („Hair Longevity“). Das Ergrauen der Haare wird durch eine Anhäufung von Wasserstoffperoxid verursacht, welches im Rahmen von Zellstress entsteht und von der alternden Haarwurzel nicht mehr ausreichend neutralisiert wird. Die Mitochondrien der Melanozyten, die das Haarpigment bilden, können Schäden aufweisen. Graue Haare häufen auch zunehmend Luftblasen statt Farbpigment an. Entzündung, Strahlung, Umweltgifte, Nährstoffdefizite beschleunigen die genannten Prozesse. Bei Haarverlust müssen unbedingt hormonelle Ursachen untersucht werden. Bei Frauen ist die Vermehrung männlicher Hormone relevant. Ein PMOS (polyendokrines metabolisches Ovar-Syndrom, früher PCOS) mit SAHA (Seborrhoe = fettige Haut, Akne, Hirsutismus = Überschuss männlicher Hormone, Alopezie = Haarausfall) muss abgeklärt werden. Es ist mit Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz verbunden, die das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen drastisch erhöhen. Bei der Ursachenklärung müssen auch dermatologische Krankheitsbilder ausgeschlossen werden. Bei der Vorgeschichte sind umweltmedizinische Belastungen, Medikamente (Ibuprofen, Statine, Allopurinol, Betablocker, Psychopharmaka, NOAK u.v.m.) und Rauchen relevant.

Eine adäquate, ganzheitliche Labordiagnostik ist essenziell. Im Zentrum der Therapie steht die innerliche, laborgestützte Behandlung von Nährstoffdefiziten, wobei die Zielbereiche für verschiedene Nährstoffe deutlich nach oben korrigiert wurden. Auch eine Einnahme von Kollagen, Silizium und Aminosäuren wurde propagiert. Eine Gabe von Lysin, Prolin und Vitamin C als Infusion verbessert die Bildung der Kollagenmatrix. Für die Therapie des Haarausfalls sind äußerlich, aber auch innerlich verabreichtes Minoxidil nach der Studienlage am wirksamsten. Finasterid (Testosteronblocker) kann zu der Rezeptur zugefügt werden. Auch eine niedrig-level-Infra Rot - Lasertherapie kann äußerlich angewendet werden

Prof. Thor stellte die Behandlung mit Exosomen bei Hautproblemen vor. Exosomen sind kleine Bläschen, die von Zellen abgesondert werden und Informationseiweiße wie Mikro-RNA enthalten. Aufgrund fehlender Zulassung für eine innerliche Therapie können aktuell nur Exosomen aus pflanzlicher Quelle im Rahmen von kosmetischem Mikroneedling eingesetzt werden. Bei verschiedenen Hauterkrankungen sind dramatische Verbesserungen durch Kollagenbildung, Entzündungshemmung, Modulation der Mitochondrienfunktion, Stammzellaktivierung, Gefäßneubildung, Stärkung der Hautbarriere und Normalisierung der Funktion der Talgdrüsen und Pigmentzellen dokumentiert. Haarwuchs und Narbenbildung werden positiv beeinflusst. Auch bei Ulcus cruris (Hautgeschwüre am Unterschenkel) sind Heilungen gezeigt worden. In der Zukunft werden Exosomen aus dem Blut der PatientInnen extrahiert werden können, was die Therapiesicherheit und damit die Chancen für ein medizinrechtliche Zulassung verbessern wird. Bei innerlicher Anwendung können visionär Anwendungen in der Neurologie, Kardiologe und Orthopädie für regenerative Therapien möglich werden.

Ein Highlight des ersten Tages war der Vortrag von Dr. Johannes Coy über Zucker („Wie Zucker uns krank macht – wie Zucker uns heilt“).
Er forscht seit langem zu Stoffwechsel- und-Signalwegen, die die sauerstoffabhängige Energiegewinnung in den Zellkraftwerken (Mitochondrien) und die Gärung von Glucose ohne Sauerstoffbedarf (anaerobe Glykolyse) unter Bildung von Milchsäure betreffen.
Die Gärung ist eine Art Notstromaggregat („Turbo“) für lebensbedrohliche Krisensituationen, die die Mitochondrien schützt und eine regelrechte Zellteilung unterstützt. Die entstehende Milchsäure muss nach der Krise wieder abgebaut werden. Bei der anaeroben Glykolyse entstehen im Gegensatz zur mitochondrialen Energiegewinnung keine freien Radikale. Sie ist somit störunanfällig und als archaischer Prozess bei der Stammzellteilung zuverlässiger als die mitochondriale Oxidation. Bei schwerer Erschöpfung infolge Mitochondrienschädigung sichert die Glykolyse das Überleben (Symptom: hoher Laktatspiegel im Blut).
Zentrale Bedeutung hat das Enzym Transketolase (TKTL), das Glukose in Ribose umwandelt. Ribose ist für die Zellteilung und Bildung und Reparatur der DNA essenziell.

Ribose erhöht die ATP-Produktion (Energieeiweiß der Zellkraftwerke).
Die Gabe von Ribose kann die Zellreparatur im Nervensystem steigern.
Bei Tumorzellen allerdings kann Ribose die Zellreparatur ebenfalls fördern.
Die anaerobe Glykolyse kann bei Tumoren durch die Milchsäurebildung Metastasierung und Zellproliferation fördern. Die Immunsuppression und Degeneration der Bindegewebsmatrix werden gefördert. Deshalb macht ein Zuckerentzug bei der Tumortherapie die Krebszellen empfindlicher gegenüber der Therapie.
Verschiedene Zuckerstoffe wie Galaktose, Tagatose und Trehalose können Mitochondrien - unabhängig wichtige Zellprozesse unterstützen und haben interessante Zusatzeffekte.
Mannose und Galaktose führen nicht zu einer Bildung von Milchsäure.
Mannose wirkt bei Colitis ulcerosa entzündungshemmend und steigert die Wirkung von 5-Fluorouraccil bei der Tumortherapie. Sie hemmt ferner die Vermehrung der Plasmodien (Erreger der Malaria)
Galaktose erhöht den oxidativen Stoffwechsel und verbessert die Mitochondrienfunktion. Sie verhindert die Vermehrung von Covid 19-Viren.
Bei Demenz besteht meist eine Insulinresistenz des Gehirns mit Glucose - Mangel. Der Heißhunger, den PatientInnen dann häufig auf Zucker entwickeln, kann mit Galaktose, die insulinunabhängig ins Gehirn gelangt, kompensiert werden. Gleichzeitig wird der Energiestoffwechsel des Gehirns verbessert.
Trehalose steigert die Autophagie (Zellerneuerung) und schützt vor Neurodegeneration.
Tagatose ist ein Präbiotikum (Nahrung für gute Darmbakterien) mit starker Süßkraft. Es verhindert den Blutzuckeranstieg bei anderen Zuckern und verursacht keine Karies.
Bei Typ 2-Diabetes sind Tagatose, Trehalose und Mannose geeignet. Trehalose und Galaktose verbessern als Depotzucker die Zuckerversorgung über die Nacht und verhindern Unterzucker, der zur Gegenregulation mit Zuckerneubildung und darauffolgenden Zuckerspitzen führen kann.

Am 3. Tag ging Prof. Kleine-Gunk, der scheidende Präsident der GSAAM, auf Parabiose-Ansätze ein. Dies bedeutet, dass Blut bzw. Blutbestandteile von jungen auf alte Menschen übertragen werden. Im Mausexperiment, bei dem 2 Mäuse über den Blutkreislauf miteinander verbunden werden, hat dies funktioniert. Stoffe, die man als Kandidaten für Verjüngungsprozesse identifiziert hat, haben bisher jedoch keine verwertbaren Ergebnisse gebracht. Der bekannte Influencer Brian Johnson, der sich Blutplasma von seinem jungen Sohn verabreichen ließ, hat diesen Weg mangels Wirkung ebenfalls wieder verlassen. Nachdem eine Klinik in Kalifornien, die Jungblut-Plasma-Transfusionen für exorbitante Beträge angeboten hat, von der Aufsichtsbehörde FDA geschlossen wurde, plant der Tech-Magnat Peter Thiel angeblich die Errichtung einer neuen Klinik zur Fortführung der Forschung auf einer künstlichen Insel in internationalen Gewässern vor Florida.

Prof. Hescheler, ein führender Stammzellforscher aus Köln, der jetzt in Shanghai tätig ist, zeigte neue Entwicklungen bei der Stammzellforschung und bei den sogenannten Mikro-RNA`s auf. Hiermit ist echter Zellersatz bei geschädigten, alternden („seneszenten“) Zellen oder Organen ohne Wachstum unerwünschter Zellen wie Tumorzellen möglich. In Italien wird schon eine Reprogrammierung von zu verpflanzenden Organen wie Lebern durchgeführt. Hierbei wird das biologische Alter eines Spenderorgans auf ein junges Alter reprogrammiert.

Anschließend referierte Dr. Platzer über Eisentherapie. Obwohl wir zu dem Thema schon recht differenzierte Erkenntnisse und praktische Handlungsstrukturen haben, gab es eine Fülle neuer Informationen zu Eisenaufnahme und-verwertung, zum Nutzen und den Nebenwirkungen verschiedener Präparate und den Zielwerten der Therapie.

Am Nachmittag sprach Prof. Calabrese über chronische Erschöpfung. Er unterschied neurologische Ursachen mit bioelektrischer Entkopplung, internistische Faktoren mit metabolischer (mitochondrialer) Erschöpfung und psychiatrische Faktoren, die zu motivationaler Regression (Rückzug, Hoffnungslosigkeit) führen.
In einer Studie hat man festgestellt, dass zunächst bei übermäßigem Stress die Mitochondrien auf Hochtouren laufen (hohes ATP) und die Fatigue als Schutzmechanismus eine weitere Schädigung des Organismus durch Überbelastung verhindert („Supernova-Syndrom“). Er referierte ausführlich zu den ME/CFS-Diagnosekriterien und DACH-Konsensus Empfehlungen. Bei chronischem Stress kommt es nach seinen Ausführungen zu einer Verschiebung der Wahrnehmungsschwelle nach oben, die dann zu verstärkten Erschöpfungsreaktionen führen kann (analog der Angstschwelle bei Angsterkrankungen). Genetik, Immunsystem, Gehirn, Stress, soziale Faktoren und das (Krankheits-) Verhalten bedingen eine komplexe bio-psycho-soziale Interaktion.

Zum Ausklang sprach Florian Wolf über die Neurobiologie dysfunktionaler Regeneration („Wenn Erholung zur Belastung wird“).
Er zeigte eindrücklich die Schwierigkeit auf, in der heutigen Zeit, in der man „Always on“ ist, Entspannung zu finden („Switching off“). Das menschliche Gehirn verarbeitet nach seinen Ausführungen heutzutage 34 GB an Daten pro Tag. Die Suche nach kurzfristiger Entlastung über hochverarbeitete Nahrung, Zucker, soziale Medien, Nikotin, Alkohol, Drogen, Medikamente, Extremsport, übermäßiges Arbeiten, Shopping, Gaming und dysfunktionalen Urlaub heizt häufig das Ungleichgewicht noch weiter an.
Grundlage für eine Therapie ist bei ihm eine adäquate Erfassung der Stressbelastung über Labor und HRV-Messungen. Stress und Belastung müssen identifiziert und verstanden werden. Die neurobiologische Balance muss, auch unter Einsatz von Vorstufen der Neurotransmitter, stabilisiert werden. Schlaf und Regeneration müssen optimiert, Erholung als Leistungsfaktor verstanden werden. Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung müssen gestärkt, kreisende Gedanken reduziert werden. Schließlich müssen Ernährung und Bewegung als Energiequellen genutzt und Perspektiven für die Aufrechterhaltung der Veränderungen im Alltag entwickelt werden. Dieser Prozess erfordert eine individuelle Veränderung der inneren Haltung, die über längere Zeiträume therapeutisch unterstützt werden muss.

Zusammenfassend bot der Kongress viele neue Denkanstöße und Handlungsansätze.



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